Melissa: OK, das heißt früher gab es keine Demokratie?!
FLORA: Oh ja, schon, wir waren stolz auf unsere Demokratie, aber die technische Entwicklung hat uns einfach überrollt. Die Welt hat sich so schnell verändert und die Menschen haben nicht mehr gewusst, wem sie glauben sollen. Der Kirche? Der Wissenschaft, der Politik oder den neuen Diktatoren oder den Maschinenmenschen den neuen „intelligenten“ Maschinen? Das waren irre und brutale technische Menschmaschinenmonster. Die sind heute bei uns verboten. Gut so!
Melissa: Und was hat Du gemacht?
FLORA: Ich war immer am Saatgut dran. Naja erst ist es noch schlimmer geworden: Wir hatten an allen Ecken und Enden Hebel angesetzt, uns schlau gemacht, mit Beamten und Politikern telefoniert, mit der sogenannten Zivilgesellschaft also eigentlich Nichtregierungsorganisationen, aber die wurden längst von der Regierungen und von Interessengruppen gesponsert. Wir haben wirklich alles versucht und nix hat funktioniert. Irgendwo war immer wer, der uns das Haxl gestellt hat. Es war zermürbend. Erst glaubte uns niemand, dass wir die Saatgutgesetze richtig verstehen und als wir eine offizielle Auslegung in der Hand hielten, konnte sich niemand vorstellen, dass die Gesetze je durchgesetzt werden würden. Jedenfalls waren wir fast die einzigen, die das Problem der Privatisierung erkannt und richtig eingeschätzt haben.
Melissa: Oma, was für Gesetze eigentlich?
FLORA: Ah so, das hab ich vergessen zu sagen. Es ging darum, wem Saatgut eigentlich gehört.
Melissa: So ein Blödsinn, das kann doch gar niemandem gehören, das gehört doch allen!
FLORA: Ja das sagst du heute! Aber damals war das nicht so klar. Es gab ja noch nicht einmal das Allerleuterecht auf Zugang zu Land und Saatgut!
Melissa: Echt? Kein AllerLeuteRecht?
FLORA: Ja, wir wollten aber in unseren Gärten ungestört arbeiten dürfen ohne Papierlwirtschaft und ohne Angst vor Strafen, ohne Pflanzenpassaussellungspflicht und ohne Anwaltsbriefe. Wir haben einfach nicht aufgegeben und dann wollten wir mehr: Wir wollten unser Saatgut zurück und Gerechtigkeit …… und haben das mit kindlichem Trotz eingefordert.
Melissa: Seid ihr im Herzen Kinder geblieben?
FLORA lacht: Ja, so könnte man das sagen. Das hast du sehr schön gesagt. Wo hast du das denn her?
Melissa: Das sagt die Mama immer zum Papa, wenn er heimlich beim Staubsaugen Eisenbahn spielt.
FLORA: Ach so, tut er das? Schön.
Melissa: Also wie jetzt? Wie weiter? Ihr habt in eurem Garten gärtnern gespielt und auf einmal wollten alle Leute mitspielen, na das ist ja klar – und dann wollten alle Saatgut und einen Garten. So ist das bei uns im Kindergarten auch immer.
FLORA: Du bist eine kleine Schlaumeierin, aber so einfach war es dann doch auch wieder nicht! Wir sind oft ignoriert worden, sind bei Veranstaltungen ausgeladen worden usw. und stell dir vor, wir haben dann selbst Zoomtreffen organisiert und Diskussionen angezettelt …
Melissa: ZOOM? Oh wie retro !!!
FLORA: Für uns war das ganz neumodern. Und zu diesen ersten Treffen kamen viele Interessierte…(wird unterbrochen)
Melissa unterbricht: Oma Oma Omaoma warte einmal: bist du beim Zoomem[f4] berühmt geworden?
FLORA: Aber nein, bin ich nicht. Ich wollte ja gar nicht berühmt werden! Ich war aber ganz gut im Entwickeln von Visionen und Strategien, und ich habe immer wieder erzählt: „Weltweit betrachtet sind wir eine überwältigende Mehrheit. Daher können und müssen wir mehr fordern als uns im Moment realistisch erscheint, wir müssen aufs Ganze gehen. Ans Eingemachte! Ein einklagbares Allerleuterecht auf Land und Saatgut, Wasser und saubere Atmosphäre für alle muss her!“
Melissa: (enttäuscht….) also du wolltest gar nicht berühmt werden? Aber ich hätte gerne eine berühmte Oma.
FLORA: Es war so spannend genug! Denn im Stillen hat sich etwas getan. Nach und nach haben sich immer mehr Menschen unsere Sortenfibel zugelegt, denn die Lebensmittel waren teuer. Viele waren gezwungen, sich selbst etwas anzubauen um Geld zu sparen. Die EU-Kommission hatte nämlich ihre blöde Saatgutverordnung schnell noch durchgebracht und dort die Konsumentenschutzregelungen für „Hobbygärtner“ Saatgut aufgeweicht. Jetzt konnte jeder Ramsch als teures Hobbysaatgut verkauft werden. Mehr zahlen für weniger und schlechteres Saatgut…das hat nicht nur die Saatgutschützer aufgebracht, die nicht als Hobbygärtner bezeichnet werden wollten, sondern die viel größere Gruppe aller, die selbst Gemüse angebaut haben.
Und so begann der Wind sich langsam zu drehen. Und jene, die uns als altmodisch und weltfremd belächelt und als Fundamentalisten bezeichnet hatten, waren auf einmal mit uns schon immer befreundet gewesen. Manche Funktionäre kramten alte Flugblätter von damals heraus, wo sie dasselbe gefordert hatten wie wir. Es war amüsant und abstoßend zugleich.
Melissa: Warum haben sie sich gedreht?
FLORA: Die Gentechnik wurde anders als erwartet eingesetzt. Keimhemmungsgene wurden gefunden und so eingestellt, dass die Keimung zentral aktiviert und deaktiviert werden konnte. Findige Firmen nutzten das, um die Kundenbindung zu erhöhen. Dazu kamen gelockerte Weitergabebedingungen bei Arche Noah, die 2025 ohne die Mitglieder zu fragen eingeführt wurden. Und dann muss irgendetwas passiert sein, wir wissen nicht genau, was. Jedenfalls ist dann fast das ganze Saatgut im Sortenarchiv
ist[f7] nicht mehr gekeimt, ein Gentechtrojaner vermuten manche und dann wurden sie auch noch erpresst, und sie haben noch ganz viele Spenden gesammelt um zahlen zu können und dann…
Melissa? Oh sie schläft schon, naja die Geschichte mit dem Geschäftsführer von Euroseed, der schrieb, es dürfe auf keinen Fall passieren, dass das Saatgutthema von Menschen aufgegriffen werde, die mit Saatgutpolitik die Welt verändern wollen, erzähle ich ein anderes Mal.