• Es ist ALLER LEUTE RECHT

    Saaten für den eigenen Bedarf und für die Erhaltung der Biodiversität zu pflanzen, zu ernten, zu lagern, zu tauschen, zu erwerben und zu verkaufen,

    in dem zur Erhaltung üblichen Ausmaß und unabhängig davon, ob dieses Saat- und Pflanzgut als Handelssorte gelistet, geschützt, patentiert oder frei ist.  

Ewiger Kohl © Helmut Hohengartner

Vorstellungskraft


brauchen Samengärtner und Saatguthandwerkerin, um aus ihrem Bestand besondere Pflanzen auszulesen.

Und Vorstellungskraft brauchten wir, das ALLER-LEUTE-RECHT zu formulieren.
Denn viele sagten uns, das sei zu revolutionär und daher nicht umsetzbar.
Wir aber meinen, man müsse an das Unmögliche glauben, um alles Mögliche zu erreichen. Da das Glauben alleine nicht ausreicht, sind wir aktiv geworden, um aus einer Vorstellung etwas Wahrhaftiges werden zu lassen.


Wir schreiben das Jahr 2055. Flora Unverblümt ist eine rüstige alte Frau, und ihr Geist ist ungebrochen klar und scharf.

Wir haben ein Gespräch belauscht, das sie mit ihrer Enkeltochter geführt haben wird...

 

Das AllerLeuteRecht auf Zugang zu Land, Wasser, Saatgut und saubere Luft gab es ja damals noch gar nicht!

 

Melissa: Oma erzähl mir bitte eine wahre Geschichte aus deinem laangen Leben!

FLORA: Ach geh, was soll ich dir erzählen, das Lustige hab ich dir schon erzählt das Unangenehme vergisst man und das Politische verstehst du nicht.

Melissa: Was versteh ich nicht?

FLORA: Das Politische, ich sags ja!

Melissa: Oma bitteeee, erzähl mir was, DAAAMIT ich versteh, BIIIITTTEEE!

FLORA: Ach so ist das, du bist ja eine ganz eine Vife! Na gut, aber das ist eine sehr aufregende Geschichte, hoffentlich kanns Du dann gut schlafen. Ich erzähle Dir die Geschichte, wie wir das Saatgut retten wollten und aus Versehen fast  …. Naja ich will nicht schon alles verraten.

Melissa: Meine Mama hat gesagt Du bist damals fast berühmt geworden. Stimmt das?

FLORA: Soooo sagt sie das? Schau mal, du musst das verstehen, das war eine ganz andere Zeit damals. Es war nicht etwa so, dass man sich ein Paar Samen organisieren konnte und sich schnell was angebaut hat zum Essen. Das Klima war kühler, die Gesetze auf den Markt zugeschnitten…. häh sagst Du eh wenn Du was nicht verstehst?

Melissa: Ja ja jaaaa, also nein! Was wurde am Markt zerschnitten?

FLORA: Lacht …. du hast es erfasst, Kleine: Die Bedürfnisse der Menschen wurden am Markt zerschnitten, also alles wurde der Wirtschaft angepasst und nicht an die Menschen! So auch die Saatgutgesetze.

Melissa:  OK, das heißt früher gab es keine Demokratie?!

FLORA:  Oh ja, schon, wir waren stolz auf unsere Demokratie, aber die technische Entwicklung hat uns einfach überrollt. Die Welt hat sich so schnell verändert und die Menschen haben nicht mehr gewusst, wem sie glauben sollen. Der Kirche? Der Wissenschaft, der Politik oder den neuen Diktatoren oder den Maschinenmenschen den neuen „intelligenten“ Maschinen? Das waren irre und brutale technische Menschmaschinenmonster. Die sind heute bei uns verboten. Gut so!

Melissa:  Und was hat Du gemacht?

FLORA:  Ich war immer am Saatgut dran. Naja erst ist es noch schlimmer geworden: Wir hatten an allen Ecken und Enden Hebel angesetzt, uns schlau gemacht, mit Beamten und Politikern telefoniert, mit der sogenannten Zivilgesellschaft also eigentlich Nichtregierungsorganisationen, aber die wurden längst von der Regierungen und von Interessengruppen gesponsert. Wir haben wirklich alles versucht und nix hat funktioniert. Irgendwo war immer wer, der uns das Haxl gestellt hat. Es war zermürbend.  Erst glaubte uns niemand, dass wir die Saatgutgesetze richtig verstehen und als wir eine offizielle Auslegung in der Hand hielten, konnte sich niemand vorstellen, dass die Gesetze je durchgesetzt werden würden. Jedenfalls waren wir fast die einzigen, die das Problem der Privatisierung erkannt und richtig eingeschätzt haben.

Melissa:  Oma, was für Gesetze eigentlich?

FLORA: Ah so, das hab ich vergessen zu sagen. Es ging darum, wem Saatgut eigentlich gehört.

Melissa:  So ein Blödsinn, das kann doch gar niemandem gehören, das gehört doch allen!

FLORA: Ja das sagst du heute! Aber damals war das nicht so klar. Es gab ja noch nicht einmal das Allerleuterecht auf Zugang zu Land und Saatgut!

Melissa:  Echt? Kein AllerLeuteRecht?

FLORA:  Ja, wir wollten aber in unseren Gärten ungestört arbeiten dürfen ohne Papierlwirtschaft und ohne Angst vor Strafen, ohne Pflanzenpassaussellungspflicht und ohne Anwaltsbriefe. Wir haben einfach nicht aufgegeben und dann wollten wir mehr: Wir wollten unser Saatgut zurück und Gerechtigkeit …… und haben das mit kindlichem Trotz eingefordert.

Melissa:  Seid ihr im Herzen Kinder geblieben? 

FLORA  lacht: Ja, so könnte man das sagen. Das hast du sehr schön gesagt. Wo hast du das denn her?                                                        Melissa:  Das sagt die Mama immer zum Papa, wenn er heimlich beim Staubsaugen Eisenbahn spielt.

FLORA: Ach so, tut er das? Schön.

Melissa:  Also wie jetzt? Wie weiter? Ihr habt in eurem Garten gärtnern gespielt und auf einmal wollten alle Leute mitspielen, na das ist ja klar – und dann wollten alle Saatgut und einen Garten. So ist das bei uns im Kindergarten auch immer.

FLORA: Du bist eine kleine Schlaumeierin, aber so einfach war es dann doch auch wieder nicht!  Wir sind oft ignoriert worden, sind bei Veranstaltungen ausgeladen worden usw. und stell dir vor, wir haben dann selbst Zoomtreffen organisiert und Diskussionen angezettelt …

Melissa:  ZOOM? Oh wie retro !!!

FLORA: Für uns war das ganz neumodern. Und zu diesen ersten Treffen kamen viele Interessierte…(wird unterbrochen)

Melissa  unterbricht:   Oma Oma Omaoma warte einmal: bist du beim Zoomem[f4]  berühmt geworden?

FLORA: Aber nein, bin ich nicht. Ich wollte ja gar nicht berühmt werden! Ich war aber ganz gut im Entwickeln von Visionen und Strategien, und ich habe immer wieder erzählt: „Weltweit betrachtet sind wir eine überwältigende Mehrheit. Daher können und müssen wir mehr fordern als uns im Moment realistisch erscheint, wir müssen aufs Ganze gehen. Ans Eingemachte! Ein einklagbares Allerleuterecht auf Land und Saatgut, Wasser und saubere Atmosphäre für alle muss her!“

Melissa: (enttäuscht….) also du wolltest gar nicht berühmt werden? Aber ich hätte gerne eine berühmte Oma.

FLORA: Es war so spannend genug! Denn im Stillen hat sich etwas getan. Nach und nach haben sich immer mehr Menschen unsere Sortenfibel zugelegt, denn die Lebensmittel waren teuer. Viele waren gezwungen, sich selbst etwas anzubauen um Geld zu sparen. Die EU-Kommission hatte nämlich ihre blöde Saatgutverordnung schnell noch durchgebracht und dort die Konsumentenschutzregelungen für „Hobbygärtner“ Saatgut aufgeweicht. Jetzt konnte jeder Ramsch als teures Hobbysaatgut verkauft werden. Mehr zahlen für weniger und schlechteres Saatgut…das hat nicht nur die Saatgutschützer aufgebracht, die nicht als Hobbygärtner bezeichnet werden wollten, sondern die viel größere Gruppe aller, die selbst Gemüse angebaut haben.

Und so begann der Wind sich langsam zu drehen. Und jene, die uns als altmodisch und weltfremd belächelt und als Fundamentalisten bezeichnet hatten, waren auf einmal mit uns schon immer befreundet gewesen. Manche Funktionäre kramten alte Flugblätter von damals heraus, wo sie dasselbe gefordert hatten wie wir. Es war amüsant und abstoßend zugleich.

Melissa:  Warum haben sie sich gedreht?

FLORA: Die Gentechnik wurde anders als erwartet eingesetzt. Keimhemmungsgene wurden gefunden und so eingestellt, dass die Keimung zentral aktiviert und deaktiviert werden konnte. Findige Firmen nutzten das, um die Kundenbindung zu erhöhen. Dazu kamen gelockerte Weitergabebedingungen bei Arche Noah, die 2025 ohne die Mitglieder zu fragen eingeführt wurden. Und dann muss irgendetwas passiert sein, wir wissen nicht genau, was. Jedenfalls ist dann fast das ganze Saatgut im Sortenarchiv ist[f7] nicht mehr gekeimt, ein Gentechtrojaner vermuten manche und dann wurden sie auch noch erpresst, und sie haben noch ganz viele Spenden gesammelt um zahlen zu können und dann…

Melissa? Oh sie schläft schon, naja die Geschichte mit dem Geschäftsführer von Euroseed, der schrieb, es dürfe auf keinen Fall passieren, dass das Saatgutthema von Menschen aufgegriffen werde, die mit Saatgutpolitik die Welt verändern wollen, erzähle ich ein anderes Mal.